Liturgische Verehrung



Als unter Kaiser Friedrich Barbarossa (um 1122-1190) das Reich sich zum »Sacrum Imperium« wandelt, liegt es nahe, den Gründer dieses Reiches, Karl den Großen, zum Heiligen zu erheben. Diese Heiligsprechung erfolgt am 29. Dezember 1165 auf Veranlassung Friedrich Barbarossas durch den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel (1114/20-1167) sowie Bischof Alexander von Lüttich (gest. 1167) in Anwesenheit des Kaisers und seiner Gemahlin Beatrix im Rahmen eines Hoftages in Aachen. Gegenpapst Paschalis III. (1164-1168) billigt diese Kanonisation. Im darauffolgenden Jahr erhält Aachen durch Friedrich Barbarossa Stadtrechte und zahlreiche Privilegien, ohne die diese Stadt niemals das geworden wäre, wozu sie sich in kontinuierlichem Wachstum entwickelt. Karl der Große ist seit seiner Heiligsprechung neben der Gottesmutter der zweite Patron der Aachener Marienkirche und auch Patron der Stadt Aachen.

Einen Heiligen, dessen Leben makellos ist, wird es wohl nicht geben: König David als Ehebrecher und Mörder wird dennoch Stammvater Jesu, der Kirchenverfolger Paulus zum Völkerapostel, der Kriminelle und Lebemann Augustinus zum Bischof und Kirchenlehrer. Wenn Karl der Große in dem, was man ihm zum Vorwurf machen kann, ein Kind seiner Zeit ist, so steht dem sein hoher persönlicher Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums, die Ausbreitung des Christentums, den Aufbau der Kirche und nicht zuletzt seine tiefe Frömmigkeit entgegen. Er ruft Gelehrte und Berater in seine Nähe, die mit Glaube und Vernunft Völker zusammenführen, Wissenschaft und Kunst fördern und verbreiten, eine gerechte Gesetzgebung entwickeln und wie er selbst in außergewöhnlichem Maß die Armenfürsorge pflegen. Seine umfangreiche Sorge gilt einem öffentlichen christlichen Leben, wie es bei politisch Verantwortlichen zuvor, später und heute nur selten zu finden ist.

Der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset, betont am Karlsfest 2013 im Kaiserdom zu Frankfurt am Main, »daß wir in Karl dem Großen einen Gläubigen sehen können, der seinen Glauben ernsthaft in sein politisches Amt hineingenommen hat, wenn er sich in seinem Leben auch als sündigen Menschen wußte. Was Karl der Große für sein Volk, für das Reich, für Europa getan hat, ist uns Ansporn und Vorbild für unsere heutige Verantwortung, Christus nichts vorzuziehen (Regula Benedicti 72, 4).«

Seit 1176 wird die lokale Verehrung Karls des Großen durch die Kirche gestattet, doch ist sein Fest an seinem Sterbetag, am 28. Januar, im »Martyrologium Romanum«, im römischen Heiligenkalender, nicht verzeichnet. Die durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag anhaltende Verehrung des großen Kaisers veranlaßt Rom zur dauerhaften Duldung des Karlsfestes. Die Feiern zur Verehrung Karls des Großen sind in weiten Teilen Deutschlands - besonders in Aachen, Osnabrück und Frankfurt am Main -, aber auch vielfach in Frankreich, Italien und Spanien verbreitet. Trotzdem sind sie in erster Linie charakteristische Aachener Feste: »In Nativitate sanctissimi Karoli« (28. Januar); »In Octava sanctissimi Karoli« (4. Februar); »In Translatione sanctissimi Karoli« (27. Juli). Der 27. Juli ist der Tag der feierlichen Vollendung des Karlsschreines im Jahre 1215. Papst Benedikt XIV. (1740-1758) erkennt die Karlsfeiern für einzelne Orte an. Im Kölner liturgischen Kalendarium sind sie von 1828 bis 1857 als Aachener Eigenfeiern angegeben. Mit der Wiedererrichtung des Bistums Aachen 1930 werden sie erneut eingeführt, die Feier der »Translatio« ist ab 1932 gestrichen. Die Oktav am 4. Februar wird noch bis 1955 begangen. Im heutigen nachkonziliaren liturgischen Kalendarium des Bistums Aachen ist der 28. Januar für die Stadt als »Hochfest« des hl. Karls des Großen ausgezeichnet. Das Karlsfest ist das eigentliche Fest der Stadt Aachen, die damit ihren Schutzpatron anruft und an ihn erinnert. Als politischer, religiöser, kultureller und künstlerischer Mittelpunkt im christlichen Reich Karls des Großen bewahrt Aachen mit hingebungsvoller Treue das unvergängliche Erbe der karolingischen Hofkirche. Mit dieser Kirche ist seit Jahrhunderten die Tradition kunstvollen liturgischen Singens verbunden.         

Das Karlsoffizium »Regali natus«, die Karlsmesse »In virtute tua« sowie die berühmte Aachener Karlssequenz »Urbs Aquensis, urbs regalis« bilden den Kern der Karlsliturgie. In all diesen Texten wird Karl der Große gepriesen als »starker Streiter Christi«, als Verbreiter des Glaubens, Gründer und Erhalter des Rechts, ein Herrscher, der die christlichen Tugenden zu leben versteht. Seine liturgische Verehrung bildet die geistige Klammer des mittelalterlichen Reiches.

Text: © Dr. Michael Tunger 2013
Photo: © Edition SINFONIA SACRA e.V.: Aachen, Dom, Oktogonkuppel innen, erbaut 796-804