Krönungsgesänge


A Deo coronatus – Von Gott gekrönt – Der Aachener Dom als Krönungskirche der deutschen Könige.  Fast 600 Jahre war Aachen die Krönungsstätte der deutschen Könige. Im Aachener Dom, der Pfalzkapelle Karls des Großen, wurden von 936 bis 1531 dreißig deutsche Könige und zwölf Königinnen gekrönt. Die Inbesitznahme des Thrones Karls des Großen legitimierte die Herrschaft des neuen Königs. Das Titelbild dieser CD zeigt den von Gottes Hand gekrönten Otto III. – An der Reichskrone (2. Hälfte 10. Jh.), die zu den Reichskleinodien (Herrschaftszeichen) zählt, findet sich auf der Emailplatte mit Darstellung des thronenden Christus der Spruch aus dem Alten Testament: »Per me reges regnant« – »Durch mich regieren die Könige« (Spr 8, 15). Grundlegend ist die Verbindung zwischen dem alttestamentarischen israelitischen und dem christlich überhöhten Königtum des Mittelalters (»conregnator Christi«), die beide ihren transzendenten Ursprung in Gott haben (vgl. Ps 21). Der König ist Herrscher durch Gottes Gnade. Er weiß sich dieser höheren und letzten Instanz verantwortlich. – Die Krönungsfeierlichkeiten in Aachen gliederten sich in drei Abschnitte: 1) Der festliche Einzug des designierten Königs in die Stadt mit kurzem Besuch der Marienkirche, des heutigen Domes. 2) Die feierliche Salbung des Königs mit Insignienübergabe und Thronsetzung im Aachener Dom. Der liturgische Ablauf der Krönungsfeier wurde durch die »Krönungsordines« geregelt. Der Auswahl der Krönungsgesänge auf dieser CD liegt der Aachener Krönungsritus zugrunde, der zwischen 1273 und 1531 in Gebrauch war (CORONATIO AQUISGRANENSIS, Ordo Coronationis, in: Monumenta Germaniae Historica, Bd. 2, Hannover 1837, S. 384-392). In der Messe der Krönungsfeier wurde das Proprium des Fe-stes Epiphanie (6. Januar) verwendet, das nun den König als Mitregenten Christi und die Weisen (»Hl. Drei Könige«) als Vorbild des christlichen Königs zeigt. Auf der vorliegenden Aufnahme erklingen die gregorianischen Gesänge des Propriums von Epiphanie nach mittelalterlichen Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts aus dem Aachener Domarchiv, sie sind aber Jahrhunderte älter. Die Sequenz des Epiphaniefestes »Festa Christi omnis christianitas celebret« findet in der heutigen Liturgie keine Verwendung mehr, war aber im Mittelalter weit verbreitet. Der Krönungsritus nach genanntem Krönungsordo verlief folgendermaßen: – Empfang des designierten Königs am Portal des Münsters – Während der Prozession in die Kirche Responsorium »Ecce mitto angelum meum« – Prostration des Königs – Orationen – Beginn der hl. Messe – Introitus »Ecce advenit dominator Dominus« – Kyrie – Gloria – Collecta (Tagesgebet) – Lesung »Surge, illuminare, Jerusalem«Graduale »Omnes de Saba venient« und Alleluja-Vers »Vidimus stellam ejus in Oriente« (Fastenzeit: Tractus) – Sequenz »Festa Christi omnis christianitas celebret« – Prostration des Königs in Kreuzform vor dem Altar – Allerheiligenlitanei – Rituelle Befragung des Königs durch den Konsekrator (Erzbischof von Köln) – Rituelle Befragung der Kurfürsten, des Klerus und des Volkes durch den Konsekrator (Akklamation) – Orationen – Salbung – Antiphon »Unxerunt Salomonem Sadoc sacerdos« – Orationen – Präfation – Übergabe der Insignien – Krönung – Orationen – Eidesleistung durch den König – Während der Prozession vom Marienaltar zum Karlsthron Responsorium »Desiderium animae ejus« – Thronsetzung – Oration – Salbung und Krönung der Königin – Te Deum – Evangelium »Cum natus esset Jesus in Bethlehem Juda« – Credo – Offertorium »Reges Tharsis et insulae« – Secreta (Opferungsgebet) – Sanctus – Canon Romanus (Hochgebet) – Pater noster – Agnus Dei – Communio »Vidimus stellam ejus in Oriente« – Postcommunio (Schlußgebet) – Pontifikalsegen. 3) Das Krönungsmahl im Rathaus beendete die Krönungsfeierlichkeiten. – Nach der Krönung in Aachen zog der deutsche König, erstmals 1204, als Pilger mit seinen Gaben nach Köln, um dort in der Nachfolge der Hl. Drei Könige Christus zu huldigen.

Die Kaiserlaudes – Laudes regiae »Christus vincit« entstanden in der 2. Hälfte des 8. Jhs. im Frankenreich. Von ihnen gab es verschiedene Varianten. Sie gehörten jedoch nicht zu den »Ordines« der Königskrönungen, sondern waren verbunden mit der Anwesenheit eines vom Papst zum römischen Kaiser gekrönten deutschen Königs in anderen liturgischen Feiern. Auch in ihnen manifestiert sich die transzendente Verbindung zwischen der Herrschaft Christi und der des christlichen Regenten.

Text: © Dr. Michael Tunger 2016
Photo: Aachen, Domschatz, Liuthar-Evangeliar, um 1000, Darstellung Ottos III., fol. 16r, Detail (Abb.:
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