Karlsoffizium


Reimoffizien wie das Karlsoffizium »Regali natus« sind dichterisch-musikalische Kunstwerke für die Liturgie. Sie enthalten in Rhythmus und Reim gefaßte Antiphone, Responsorien und Hymnen des Offiziums, des Stundengebetes der Kirche, ohne die schon feststehenden Psalmen und Cantica gesungen zu ihren überlieferten Gesangstönen. Das kirchliche Offizium (lat. officium = die Pflicht (zum kirchlichen Gebet für Kleriker und Ordensleute)) besteht an hohen Festen in der Regel aus folgenden Horen (Tagzeiten): 1. Vesper, Komplet, Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, 2. Vesper, Komplet. Reimoffizien entstehen vom 9. bis zum 16. Jahrhundert und haben ihren künstlerischen Höhepunkt im 13. Jahrhundert. Mit der Einführung des »Breviarium Romanum« (Römisches Stundengebetbuch) nach dem Konzil von Trient (1545-1563) im Jahre 1570 wird die liturgische Verwendung der Reimoffizien abgeschafft.

Aachen tangiert diese Regelung im Hinblick auf das Karlsoffizium »Regali natus« nicht, weil das Fest Karls des Großen im liturgischen römischen Heiligenkalender nicht verzeichnet ist. Die Stadt ist schon früh Pflegestätte der Kunstform des Reimoffiziums. Die älteste Überlieferung des nach der Heiligsprechung Karls des Großen (1165) entstandenen, gereimten Karlsoffiziums einschließlich des Karlshymnus »O rex, orbis triumphator« befindet sich in dem sogenannten »Antiphonar des Franko« (Hs. G 20), das im Aachener Domarchiv bewahrt wird. Ein Antiphonar (oder Antiphonale) enthält die Gesänge des Offiziums. Das wertvolle Manuskript stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist wahrscheinlich von Magister Franko, der nach einem Totenbuch des Aachener Marienstifts am 10. Mai 1318 starb, gestiftet. Die Handschrift präsentiert die liturgische Musik Aachens in »Hufnagelnotation« mit kunstvollen Initialen und Schriftzeichen. Die »Hufnagelnotation« ist benannt nach den stilisierten hufnagelförmigen Noten- bzw. Neumen, die sich bei der Notierung des Gregorianischen Chorals vor allem in den Niederlanden und in Deutschland zur Zeit der Gotik entwickeln. Die Handschrift ist ein prächtiges Zeugnis der blühenden Kultur des oft fälschlicherweise als »finster« bezeichneten Mittelalters.

Das Karlsoffizium »Regali natus« entsteht - wie musikalische Kriterien zeigen - im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts in Aachen. Die Schöpfer von Text und Musik sind unbekannt. In sprachlicher und musikalischer Hinsicht gehört es zu den künstlerisch bedeutungsvollsten Beispielen eines Reimoffiziums. Es ist ein biographisches Offizium, so daß es auch als »Historia rhythmica« charakterisiert werden kann: die erste und zweite Vesper bilden den Rahmen, innerhalb dessen der Lebensweg Karls des Großen dargestellt wird. Sein Charakter und seine Taten sind das Thema der dazwischenliegenden Horen; sie begründen seinen Aufenthalt als Heiliger im Himmel. Das Karlsoffizium schöpft seine Inhalte aus der im Zusammenhang mit der Heiligsprechung Karls des Großen wohl in Aachen von einem Anonymus verfaßten Heiligenlegende mit dem Titel »De sanctitate meritorum et gloria miraculorum beati Karoli magni ad honorem et laudem nominis Dei« - »Über die Heiligkeit der Verdienste und den Ruhm der Wunder des heiligen Karls des Großen zu Ehre und Lob des Namens Gottes«. Die hier beschriebenen Legenden und Wunder, die sich um die Person Karls des Großen ranken, sind auf den Dachreliefs des im Aachener Dom befindlichen Karlsschreines von 1215 ausführlich dargestellt.

Das Karlsoffizium wird in Aachen damals zu allen Festen des Münsters, bei der Kirchweihe und zu Marienfesten gesungen. Seine Verbreitung fällt mit dem Verehrungsbereich Karls des Großen zusammen. In Aachen findet es sich in einem noch 1778 entstandenen Antiphonar des Münsterstiftes. Erst zur Zeit Napoleon Bonapartes (1769-1821) gerät es außer Gebrauch. Weitere Hauptverehrungsgebiete Karls des Großen waren bzw. sind die folgenden Diözesen, Orte und Gegenden: Basel, Bremen, Brügge, Frankfurt am Main, Halberstadt, Hildesheim, Köln, Krain, Lüttich, Mainz, Metz, Minden, Münster, Osnabrück, Paderborn und Tournai. Außer in Aachen befinden sich Handschriften, die sowohl das Karlsoffizium als auch die Karlsmesse mit der Karlssequenz enthalten, in Andernach, Basel, Brünn, Brüssel, Charleville, Einsiedeln, Frankfurt am Main, Gars, Gerona, Halle, Köln, Lübeck, Maastricht, Metten, Minden, Münster, Passau, Sitten, Zürich und andernorts. Obwohl sich in Saint-Denis bei Paris seit dem Ende des 11. Jahrhunderts ein Zentrum der Verehrung Karls des Großen entwickelt, verbreitet sich das Karlsoffizium in Frankreich erst sehr spät. Die Verehrung Karls des Großen führt dort König Ludwig XI. (1423-1483) im 15. Jahrhundert ein. Der 28. Januar galt seitdem bis zur Französischen Revolution als Feiertag. Im spanischen Gerona wird das Karlsoffizium seit 1345 gesungen und bleibt hier bis zum Konzil von Trient in Gebrauch. Auch Zisterzienser und Benediktiner überliefern das Karlsoffizium.

Text: © Dr. Michael Tunger 2013
Photo: © Michael McGrade, Hudson MA: Aachen, Domarchiv, Handschrift G 20, f. 25r: Karlsoffizium »Regali natus«