Karlsmesse »In virtute tua«



Das im Aachener Domarchiv aufbewahrte, um 1200 entstandene, sogenannte »Arnoldus-Graduale« (»Graduale Arnoldi«, Hs. G 13), benannt nach dem Stifter der Handschrift, einem Aachener Kanonikus, enthält die älteste bekannte Niederschrift der Propriumsgesänge der Karlsmesse »In virtute tua«. Ein Graduale beinhaltet die Gesänge der heiligen Messe. Die Orationen und die vorzutragenden Texte aus der Heiligen Schrift zum Karlsfest, Offizium und Messe betreffend, werden durch Chorordnungen, eine Psalterhandschrift, ein Kollektar, ein Epistolar und das »Florentiner Missale« des Aachener Münsterstiftes überliefert. Im Vergleich der verschiedenen Handschriften des Aachener Domarchivs, in denen die Karlsmesse zu finden ist, zeigen sich geringe melodische Varianten. In der ordentlichen wie außerordentlichen Form des heutigen Römischen Ritus wird die Karlsmesse durch die allgemeine Bekenner-Messe »Os justi« ersetzt.

Die Propriumsgesänge einer Messe sind Introitus (Eröffnungsgesang), Graduale (lat. gradus = Stufe (zum Ambo)), Alleluja-Vers oder Tractus (Tractus nach Septuagesima (Vorfasten- und Fastenzeit) - das Alleluja mit Vers entfällt dann), Sequenz, Offertorium (Gesang zur Opferbereitung), Communio (Gesang zur Kommunion). Die Sequenzen und die drei Orationen (Tagesgebete) der Karlsmesse entstehen eigens für dieses Fest. Die übrigen Gesänge, auch von einem Anonymus komponiert, bestehen schon seit alters her zu anderen Heiligenfesten, werden in der Karlsmesse aber auf eine neue Weise zusammengeführt, die die Gestalt Karls des Großen evoziert, hinter dessen Bild aber letztlich Christus selbst erscheint. Den Leitfaden der Karlsmesse bildet Psalm 21, ein »Königspsalm«, der ursprünglich zum vorexilischen Jerusalemer Tempelkult und zum Ritual des königlichen Hofes in Jerusalem gehört. Bedeutungsvoll ist hier die wesentliche lineare Verbindung, die zwischen dem alttestamentarischen israelitischen Königtum und dem christlich überhöhten sakralen Kaisertum des Mittelalters (»conregnator Christi«) hergestellt wird, die beide ihren transzendenten Ursprung in Gott haben. In den Texten des Psalms 21 wird ein glaubensstarker, kluger, weiser, gottesfürchtiger, gerechter und doch barmherziger Herrscher, ein von Gott erwählter König gepriesen, der an dem Heilswirken Gottes auf Erden teilhat. Karl der Große trägt somit eine kostbare, zugleich irdische wie himmlische Krone. Sein Königtum ist Segensquelle für alle, was der Grund für Lob und Dank durch die Gläubigen ist. Auch als Fürbitter und Vermittler vor dem Herrn tritt der gerechte König auf, wie es in den drei Orationen der Karlsmesse zum Ausdruck kommt. Die alle Texte der Karlsmesse verbindende Aussage ist die des rechten Sehens und Lebens aus dem Glauben, ausgedrückt in der Metapher des Lichtes. Die Evangeliumsperikope ist dem Meßformular für den ehemaligen römischen Offizier und hl. Bischof und Bekenner Martin von Tours (um 316-397) entnommen, den Schutzpatron des merowingisch-fränkischen Reiches, dessen Mantel (lat. cappa) seit der Merowingerzeit zum Kronschatz der fränkischen Könige gehört.

Das »Arnoldus-Graduale«, in dem das erstmals 1246 in Lüttich gefeierte Fronleichnamsfest noch keine Erwähnung findet, enthält auch den ältesten handschriftlichen Nachweis der berühmten Karlssequenz »Urbs Aquensis, urbs regalis«. Diese Sequenz hat im Aufbau und in der Melodie große Ähnlichkeit mit der später entstandenen Fronleichnamssequenz »Lauda Sion« und der im selben Manuskript enthaltenen Sequenz zum Fest der Kreuzerhöhung »Laudes crucis attolamus«. Letztere ist wohl die gemeinsame Vorlage der beiden erstgenannten. Im Gegensatz zum Text des traditionellen Gregorianischen Chorals sind Sequenzen Neudichtungen. Ihr Wortlaut ist also nicht der Heiligen Schrift entnommen. Die Sequenz (lat. sequentia = Folge, musikalische Grundform: aabbcc etc.) ist ursprünglich die lateinische Textierung des oft sehr ausgedehnten Schlußmelismas des Alleluja-Verses, des sogenannten »Jubilus«. Sie entwickelt sich zu einer eigenen Gattung innerhalb der Messe wichtiger Feste. Die Karlssequenz »Urbs Aquensis, urbs regalis« entsteht vermutlich schon in der Zeit zwischen 1165 und 1170 in Aachen, also direkt nach der Heiligsprechung Karls des Großen. Sie gehört mit ihrem jubelnden Lobgesang der gesamten Kirche auf die Stadt Aachen und im besonderen auf ihren Gründer Karl den Großen zum musikalischen Höhepunkt der Karlsmesse und nimmt unter allen auf den heiligen Kaiser verfaßten Hymnen und Sequenzen den ersten Platz ein. In Abwandlung des ersten Strophenverses wird sie auch in Zürich und Frankfurt am Main gesungen.

Auch der Text der Karlssequenz für die Oktavfeier »In Karoli magni laude« hat seinen Ursprung wohl in Aachen. Bei der Melodie handelt es sich um eine ebenfalls in Aachen entstandene Variante der in Europa weit verbreiteten Mariensequenz »Hodierne lux diei« aus dem 11. Jahrhundert. Bedeutsam ist hier die offenkundige musikalisch-textliche Verbindung zwischen Karl dem Großen und der Gottesmutter Maria, zu deren Ehren er die Aachener Pfalzkirche errichtet hat. Die lobpreisende Gemeinschaft wird in dieser Sequenz besonders umschrieben und hervorgehoben: es ist die Aachener »Regalis Ecclesia«. Die älteste bekannte Niederschrift der Karlssequenz »In Karoli magni laude» für die Oktavfeier ist ebenfalls im »Arnoldus-Graduale« zu finden.

Text: © Dr. Michael Tunger 2013
Photo: © Edition SINFONIA SACRA e.V.: Karlsmesse in Aachen 2014