Hl. Karl der Große – Kaiser und Bekenner – Patron der Stadt Aachen



Karl der Große, »Pater Europae« - »Vater Europas«, wie er schon zu Lebzeiten genannt wird, entstammt dem fränkischen Herrschergeschlecht der Karolinger und kommt am 2. April 748 als Sohn König Pippins des Jüngeren und Enkel des Hausmeiers Karl Martell zur Welt. Sein Geburtsort ist unbekannt, jedoch sprechen einige Hinweise für Heristal im Raum Lüttich. Im Jahre 768 übernimmt er mit seinem Bruder Karlmann die Herrschaft im Frankenreich. Nach dem Tod Karlmanns 771 wird er Alleinherrscher über das fränkische Reich und sorgt dort unermüdlich für den Auf- und Ausbau der Kirche. Die Grenzen dieses Reiches erstrecken sich von Spanien bis jenseits der Elbe und bis nach Ungarn, von der Nordsee bis zur Küste Frankreichs am Mittelmeer, durch Oberitalien bis vor die Tore Roms. Am Weihnachtsfest 800 wird Karl der Große von Papst Leo III. (795-816) zum Kaiser gekrönt. Er stirbt am 28. Januar 814 in seiner Lieblingspfalz Aachen und wird dort noch am selben Tag in der von ihm errichteten Marienkirche (Pfalzkapelle, Münster; heute: Dom / Kathedrale zu Aachen) beigesetzt, die als Krönungskirche der deutschen Könige im Mittelalter und als Wallfahrtskirche der Aachener Heiligtumsfahrt (»Aachenfahrt«) große Berühmtheit erlangt.

Karl der Große und Alkuin (um 730-804) stehen am Anfang der Chorschule und Chortradition an der Aachener Pfalzkapelle. Alkuin wird um das Jahr 730 als Sohn einer Adelsfamilie in Northumbria geboren. Er ist Schüler der weit über die Britischen Inseln hinaus anerkannten Dom- und Klosterschule in York und später deren Leiter. Karl der Große begegnet dem Diakon Alkuin - er gilt als gelehrtester Mann seiner Zeit - im Jahre 781 in Parma, wo er ihn bittet, als Leiter der »Schola Palatina« nach Aachen zu kommen. 782 übernimmt Alkuin dieses Amt und wird zum einflußreichsten Ratgeber Karls des Großen und Lehrer der Eliten des Frankenreiches. Er stirbt als Abt von St. Martin in Tours, vermutlich im Jahre 804.

Von Anfang an werden an der Aachener »Schola Palatina« außer Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und Quadrivium (Musik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie) in vornehmer Weise die Kunst des liturgischen Gesanges und die »Ars musica« als wesentlicher Teil der gelehrten Bildung unterrichtet. Schon König Pippin der Jüngere ordnet im Jahre 754 die Einführung der Römischen Liturgie im fränkischen Reich an. Es liegt auf der Hand, daß Karl der Große, dem die Erneuerung des Römischen Reiches in christlicher Prägung so sehr am Herzen liegt, sich ganz für die Römische Liturgie einsetzt. Seine politische Idee von der dauerhaften »Einheit des christlichen Reiches« basiert auf der Einheit der Religion (»Admonitio generalis«), der Wirtschaft (»Capitulare de villis«), der Schrift (»Karolingische Minuskel«) und des Geldes (»Karolingischer Denar«), insbesondere aber auf der Einheit der Liturgie und ihrer Musik. Von Papst Hadrian I. (772-795) erbittet Karl der Große geübte Sänger, die aus Rom ein Antiphonar mit Gregorianischem Choral in das Frankenreich bringen. Der Gregorianische Choral, benannt nach dem hl. Papst Gregor dem Großen (596-604), ist der einstimmige liturgische Gesang der römisch-katholischen Kirche. Das Ziel Karls des Großen ist die Schaffung und Erhaltung des einheitlichen Gesanges im christlichen Geist nach dem Vorbild Roms. Den Franken begegnet so in der von der »Schola Palatina« getragenen Liturgie der Aachener Pfalzkapelle die Musik des römisch-hellenistischen Kulturkreises, die hier mit germanischen Traditionen verschmolzen und zum Ausgangspunkt der europäischen Musikkultur wird. Trotz der politischen Alltagsarbeit ist Karl der Große häufig in seiner Singschule präsent, unterstützt die Lehrer durch seine Autorität und nimmt auch am feierlich gesungenen Offizium in der Pfalzkapelle teil. Sein Biograph Einhard (um 770-840) berichtet: »Größte Aufmerksamkeit widmete er der Verbesserung des liturgischen Lesens und des Psalmengesanges: er war in beidem selbst wohl bewandert, wenngleich er in der Öffentlichkeit nie vorlas und nur leise im Chor mitsang.« (Vita Karoli Magni 26)

Unter Karl dem Großen wird Aachen zum Mittelpunkt der »karolingischen Renaissance«. Ohne den Kreis der Gelehrten und Künstler, die er an seiner Hofschule, der »Schola Palatina«, um sich versammelt, ist der Aufstieg des Abendlandes nicht vorstellbar. Hier liegt die geistige Quelle einer Kultur, die aus einer Synthese von antiker Tradition und der Botschaft des Christentums besteht und entscheidend ist für ein dauerhaftes Überleben Europas. Am 1215 vollendeten Karlsschrein, in dem die Gebeine des Kaisers im Dom zu Aachen ruhen, steht der Vers, der Werk und Wirkung Karls des Großen prägnant zusammenfaßt: »Der Kirche Christi warst du Licht und Edelstein, Karl, du Blüte unter den Königen, du Zierde des Erdkreises, du Schiedsrichter des Gesetzes.«

Text: © Dr. Michael Tunger 2013
Photo: © Helmut Buchen, Köln: Aachen, Domschatz, Karlsreliquiar: Aachen Mitte 14. Jh., Detail: Karl der Große mit dem Münstermodell