Heiligtumsfahrt


Der Aachener Dom als Wallfahrtskirche. Die Aachener Heiligtumsfahrt zieht seit dem 14. Jh. unzählige Pilger an, die in Aachen vor allem die von Karl dem Großen gesammelten textilen Reliquien – Kleid Mariens, Windeln Jesu, Enthauptungstuch Johannes des Täufers und Lendentuch Christi – aufsuchen, welche mit der Menschwerdung Gottes in der Person Jesu Christi und seiner Passion in engstem Zusammenhang stehen. Folgende liturgische Gesänge zur Weisung der Heiligtümer erklingen auf dieser CD: Die »Salutatio Sanctuarii Aquisgranensis: O thesaure pretiose«, die alle genannten Heiligtümer verehrt, findet sich in keiner der mittelalterlichen Handschriften, wird jedoch wegen ihres historisch bedeutsamen Textes hier veröffentlicht. Dieser sehr beliebte lateinische Text der »Salutatio« stand auf einer Kupfertafel am Marien-Altar im karolingischen Ostchor des Münsters. Für die »Salutatio« ist keine eigene Melodie überliefert. Die dreizeiligen Strophen wurden vermutlich auf die Melodie der gregorianischen Sequenz »Urbs Aquensis« der Karlsmesse gesungen. Entsprechend ist der Text hier mit der Melodie der ersten Strophe dieser Sequenz eingerichtet. Für die vierzeiligen Strophen greift diese CD auf die Melodie des Komplet-Hymnus zu Marienfesten »Te lucis ante terminum« zurück. Die das Kleid der Gottesmutter verehrende Antiphon »O Virgo, flos virginum« mit der vorliegenden Melodie-Text-Verbindung findet sich offenbar nur in Handschriften des Aachener Domarchivs. Der Text ist möglicherweise Aachener Provenienz, die Melodie ist die der Antiphon »Acceleratur ratio in puero« des Festes Mariä Heimsuchung. Auch die Antiphon »O camisia purpurata« dient der Verehrung des Marienkleides; sie entstand eigens für die Heiligtumsfahrt und ist um 1400 durch ein Kapitelsprotokoll des Marienstiftes belegt.

Der Wallfahrergruß an das Aachener Gnadenbild, das in Aachen beliebte Marienlied »Ave Maria Kaiserin«, geht auf ein aus dem 15. Jh. stammendes Pilgerlied zurück, dessen Text noch heute an einem alten Wachtturm des Aachener Landgrabens zu lesen ist, an dem die Wallfahrer nach Aachen zur Gottesmutter und zu den altehrwürdigen Heiligtümern vorbeigezogen sind.

Text: © Dr. Michael Tunger 2016
Abbildung: Die Weisung der Aachener Heiligtümer, Aachen um 1622-1630